Elektrofahrzeuge: Wie gefährlich sind sie wirklich?

Interview mit Kurt Bopp, Fachspezialist des Schweizerischen Feuerwehrverbandes.

Kurt Bopp

Gelernter Automechaniker, war 37 Jahre Berufsfeuerwehrmann, davon 17 Jahre Offizier und Einsatzleiter. Er beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Alternativfahrzeugen und deren Auswirkungen für Rettungskräfte. Kurt Bopp ist seit 2002 als Fachspezialist für Alternative Antriebssysteme des Schweizerischen Feuerwehrverbandes SFV tätig.

Brennende Elektroautos sorgen immer mal wieder für dicke Schlagzeilen. Sind diese Autos wirklich so gefährlich?

Kurt Bopp: Grundsätzlich sind Elektrofahrzeuge nicht gefährlicher als Benzin- oder Dieselfahrzeuge. E-Fahrzeuge unterscheiden sich aber grundlegend von herkömmlichen Fahrzeugsystemen und bergen in Bezug auf Unfall- und Brandereignisse neue, bisher unbekannte Problematiken für Rettungskräfte. Nachweislich sind mit der Zunahme von Elektrofahrzeugen im Strassenverkehr, nicht mehr Fahrzeugbrände zu verzeichnen.

«Elektrofahrzeuge sind nicht gefährlicher als Benzin- oder Dieselfahrzeuge».

Was löst die Brände bei Elektrofahrzeugen aus?

Lithium-Akkus sind sensible Energiespeicher. Dies gilt nicht nur für Elektrofahrzeuge, sondern für alle Geräte, Spielzeuge, Laptops und Handys mit Lithium-Akkus. Zum Beispiel kann durch unsachgemässe Handhabung, technische Defekte, äussere Beschädigungen oder thermische Belastung (erwärmen über 80°C), ein kritischer Zustand auftreten.  Ein entstandener Schaden kann, insbesondere beim Ladevorgang zu einer selbständigen Erhitzung und zu einem Brand führen. Die richtige Nutzung nach Herstellerangaben und ein sorgfältiger Umgang können Schäden vermeiden. Ein Brand eines Elektrofahrzeuges ist in der Regel die Folge eines vorangegangenen schweren Ereignisses, zum Beispiel nach einem heftigen Unfall oder nach einem technischen Defekt.

Wie läuft der Brand eines Elektrofahrzeugs ab?

Das Brandverhalten und die mögliche Branddauer von Elektrofahrzeugen ist nicht mit herkömmlichen Fahrzeugbränden zu vergleichen. Ein Brandereignis, ausgehend von der Batterie, ist das Resultat eines unkontrolliert ablaufenden elektrochemischen Prozesses innerhalb der Batteriezellen. Ein Brandausbruch kann sehr unterschiedlich ablaufen. Ausschlaggebend dafür sind die vorhandene Energie, der vorherrschende Schaden sowie die Anzahl und die chemische Zusammensetzung der betroffenen Zellen. Diese Faktoren beeinflussen, ob der Brandausbruch sehr schnell, innert Sekunden oder sehr langsam, während Tagen entsteht. Ein sich ankündigender Brand ist bei langsamem Verlauf sehr schwer feststellbar.

«Die Herausforderung für die Einsatzkräfte ist das frühzeitige Erkennen des Antriebssystems».

Wo liegen die Risiken beim Brand eines Elektrofahrzeugs?

Unabhängig von der Antriebsart, entstehen bei einem Fahrzeugbrand immer gesundheitsschädliche, giftige Gase. Bei Bränden von Elektro- und Hybridfahrzeugen mit Lithium-Antriebsbatterien werden zusätzlich chemische Substanzen freigesetzt, die bei Bränden von Benzin- und Dieselfahrzeugen nicht vorhanden sind. Der Brand eines Elektrofahrzeuges kann nur schwer mit Löschmittel bekämpft werden, da Fahrzeug-Antriebsbatterien gegen das Eindringen von Wasser geschützt sind. Nach dem Löschen eines Lithiumspeichers, ist immer mit einem erneuten Brandausbruch zu rechnen. Es sind keine Fälle dokumentiert, durch die Personen (Insassen oder Helfer) bei Unfallereignissen durch Stromschläge verletzt worden wären. Anders verhält es sich nach einem Fahrzeugbrand. Dann ist die Isolation der Hochvolt-Komponenten verbrannt und es herrscht akute Gefahr durch elektrische Spannung. In diesem Fall ist von einer ungeschützten Berührung des Fahrzeugwracks dringend abzuraten.

Die grösste Herausforderung für die Rettungskräfte liegt nicht bei der veränderten Gefahrenlage. Dafür gibt es mittlerweile bewährte Vorgehensweisen, sondern vielmehr bei der möglichst frühzeitigen Erkennung des vorhandenen Antriebssystems. Nur mit diesem Wissen können die richtigen Einsatzmassnahmen getroffen werden. Darum ist bei einem Notruf die Angabe des Energieträgers (Benzin-, Diesel-, Gas-, Wasserstoff- oder Elektrofahrzeug) für die Rettungskräfte wichtig.

 

Auf was muss ich bei meiner Infrastruktur zuhause achten, wenn ich ein Elektroauto anschaffen will?

Wichtig ist, bereits vor dem Kauf des Elektrofahrzeuges die Gebäude-Infrastruktur zuhause durch einen Elektroinstallateur überprüfen zu lassen. Auch der Einbau der Elektroinstallation und der Ladestation darf nur durch eine qualifizierte Person erfolgen. Achten Sie darauf, dass sich im Umfeld ihrer Ladestation keine brennbaren Materialien befinden und Türen zu Treppenhäusern und Wohnbereichen stets geschlossen sind. Wo es Sinn macht (Bastel-, Kellerräume, Garagen mit Verbindungen zu Wohnräumen), empfiehlt sich, bei Ladestationen von E-Spielzeugen, E-Fahrrädern und E-Fahrzeugen einen qualitativ guten Rauchwarnmelder zu installieren.

«Der Brand eines Elektrofahrzeuges mit Lithiumbatterie ist kaum zu löschen».

Lässt sich der Brand eines Elektrofahrzeuges löschen?

Der Brand eines Elektrofahrzeuges mit Lithiumbatterie ist kaum zu löschen. Die Probleme dabei sind vielschichtig. Da durch Wassereintritt eine Brandgefahr bestehen würde, sind Batterien im Fahrzeug wasserdicht verpackt. Das heisst, wenn überhaupt, nur eine geringe Menge Löschwasser eindringen kann. Die Kühlwirkung ist daher gering und wirkt nur indirekt. Darum dauert die Brandbekämpfung länger als bei herkömmlich angetriebenen Fahrzeugen. Zudem ist in Lithium-Akkus sehr viel Sauerstoff gebunden. Der zum «Brennen» der Batterie erforderliche Sauerstoff ist also in den Zellen vorhanden. Ein Löschen durch «Ersticken» ist dadurch nicht möglich. Es gibt auf dem Markt bereits Lithium-Löschmittel, deren Wirkung bei offenliegenden Batteriezellen durchaus überzeugt. Beim Löschen von Fahrzeugen mit diesen Speziallöschmitteln, besteht jedoch das bereits erwähnte Problem, dass das Löschmittel die Akkus nicht erreichen wird. 

Wie sieht die Lage bei Hybriden oder anderen alternativ angetriebenen Fahrzeugen aus?

Das Antriebssystem eines Hybridfahrzeugs ist eine Kombination eines Verbrennungsmotors (Benzin, Diesel) und einem Elektromotor mit der dazugehörenden Hochvoltbatterie. Demzufolge sind im Rettungs-, Brandeinsatz die Problematiken beider Antriebssysteme zu beachten. Wobei nicht alle Hersteller von Hybridfahrzeugen Lithium-Ionen-Akkus verwenden, sondern Nickel-Metallhydrid Akkus mit weniger Energiegehalt. Diese Batterien reagieren weniger sensibel auf die oben angesprochenen Risiken durch Überbeanspruchung. Im Ereignisfall, ist jedoch von nahezu identischen Problematiken auszugehen.

Ist die Feuerwehr geschult und auf solche Brände vorbereitet?

Die Feuerwehren wissen, wie Brände bei Fahrzeugen mit Flüssigtreibstoffen, Benzin und Diesel zu löschen sind und sie konnten sich viel Erfahrung aneignen. E-Fahrzeuge erleben erst seit einigen Jahren ein sprunghaftes Comeback (erstes E-Fahrzeug im 1881!). Erst 1985 wurde der erste Lithium-Akku als Energiespeicher für Kameras und seit Mitte der 1990iger Jahre als Antriebsbatterie in Automobilen verwendet. Die Feuerwehren in der Schweiz werden seit 2002 auf die veränderten Problematiken von modernen Fahrzeugsystemen mit Kursen, Seminaren, Referaten und Schulungen vor Ort sensibilisiert und auf den Einsatz vorbereitet.

«Mein Wunsch: Klemmen Sie die Rettungskarte Ihres Fahrzeuges unter die Sonnenblende».

Haben Sie noch einen Tipp für unsere Leserinnen und Leser?

Ja, da gibt es noch etwas.
Unabhängig vom Antriebssystem bestätigen Unfallanalysen seit Jahren, dass die Bergung von verletzten Personen aus Fahrzeugen immer länger dauert. Der Grund dafür sind die vielen Sicherheitselemente, die in modernen Fahrzeugen eingebaut sind. Zum Beispiel Airbags, die beim Schneiden der Fahrzeuge eine potentielle Gefahr darstellen. Diese sind unterschiedlich verbaut und müssen zeitaufwendig durch die Retter gesucht werden.Eine einfache und effiziente Lösung ist die Rettungskarte, auf welcher die fahrzeugspezifisch relevanten Bauteile ersichtlich sind. Die Rettungskarte Ihres Fahrzeuges finden Sie auf der Webseite des Fahrzeugherstellers. Drucken Sie die Rettungskarte in Farbe aus und klemmen Sie diese unter die Sonnenblende auf der Fahrerseite. Retter suchen genau dort danach.

Besten Dank Herr Bopp für dieses spannende Interview!

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